Als der Norden Tanzen lernte

Die Dokumentation „Als der Norden Tanzen lernte“ erzählt an Hand der Geschichte alteingesessener Tanzschulen aus Norddeutschland, wie aus dem harmlosen Privatvergnügen Gesellschaftstanz kurz vor dem zweiten Weltkrieg eine politische und sogar subversive Angelegenheit werden konnte und zeigt Tanzen als Spiegel der jeweils herrschenden politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse bis heute. Der Film spannt den Bogen von den 1930er Jahren, als Swing und Rumba als „undeutsch“ verboten wurden, und begleitet die Tänzer durch die Jahrzehnte. Die 50er und 60er Jahre, als die Tanzschüler adrett gekleidet die jungen Damen mit einem höflichen „Darf ich bitten“ aufforderten und gleichzeitig eine rebellische Jugend den Rock´n Roll für sich entdeckte.

Auch der „Lipsi“, der „coole“ Tanz aus DDR Zeiten, 1958 als Alternative zum westlichen Rock’n Roll aufs Parkett gebracht, wird flankiert. Mit viel Propaganda wurden die Schritte damals unters Volk gebracht, zwei Walzertakte zu einem Sechsvierteltakt verschmolzen. Natürlich durfte zeitgemäß zusammen oder auseinander getanzt werden, aber „anständig“! Und weit entfernt von jenen geschmack-und hemmungslosen Verrenkungen überseeischer Tanzimporte. Im FDJ-Parlament in Rostock wurde von „oben“ vorgegeben, dass alle Funktionäre den „Lipsi“ beherrschen sollten. Die 70er und 80er gehörten dann dem Disco-Fox und heute können sich Jugendliche wieder für Gesellschaftstänze und Benimmregeln begeistern, seit Tanzsendungen zur Primetime dem etwas angestaubten Image der Tanzschule zu neuem Glanz verholfen haben.

Als roter Faden dient die Geschichte einer seit Generationen von einer Familie betriebenen norddeutschen Tanzschule. Das Tanzverbot 1943, die Rückkehr des Swingtanzes „Boogie-Woogie“ mit den englischen Besatzungssoldaten nach dem Krieg, Tanzkurse, die mit Briketts bezahlt wurden. Später dann Disco und Macarena – davon können die Familienmitglieder berichten. Angereichert mit reichlich vorhandenem Archivmaterial werden Musik und Lebensstil wieder lebendig und illustrieren die Normen und Werte des jeweiligen Zeitabschnitts. Zusätzliche Protagonisten aus dem norddeutschen Umfeld der Tanzschule bereichern den Film mit ihren persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse: Ein älteres Paar, das sich beim Tanzkurs kennengelernt hat und von der Zeit erzählt, als so ein Kurs eine der wenigen Möglichkeiten war, mal mit dem jeweils anderen Geschlecht Kontakt aufzunehmen; Jugendliche, die sich auf den Debütantenball vorbereiten und ihre Einstellung zu Konventionen und Benimmregeln heute. Eine junge Frau, die sich für Lindy-Hop begeistert und mit Petticoat und Ponyfrisur die Rückkehr des alten Swingtanzes feiert.

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