Selbstfindung einer Fraktion

Svenja Bergt

22.01.2012


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Die ganz große Peinlichkeit kommt direkt am Anfang. In einem Fernsehinterview antwortet Andreas Baum, damals noch Spitzenkandidat der Berliner Piraten, auf die Frage nach der Verschuldung der Hauptstadt, dass er es nicht genau wisse. Es müssten aber "viele, viele Millionen" sein. Nun ja, es waren und sind eher viele, viele Milliarden. Der Spruch wird zum Running Gag.

Der Film "Piraten in der Politik" von Nicola Graef und Torsten Mandalka, der heute Abend in der ARD zu sehen ist, beginnt vielversprechend. Szenen wie die des Spitzenkandidaten oder der nicht enden wollende Jubel auf der Wahlparty, als die erste Prognose zeigt, dass die Piraten ganz locker in das erste Landesparlament einziehen werden, stehen für sich. Die Autoren zeigen am Anfang der 100 Tage, die sie die Piraten im Berliner Abgeordnetenhaus begleitet haben, das ungläubige Kopfschütteln der Protagonisten über den eigenen Erfolg. Das erste Mal Aufzug fahren im Abgeordnetenhaus, das erste Interview, die erste Fraktionssitzung. Etwas später dann: die ersten dienstlichen Termine, die ermüdend langen Debatten um Themen wie die Sitzordnung. Dabei lassen die Filmemacher ihre Protagonisten mit großen Zitaten zu Wort kommen: "Wir sind ein Befreiungsschlag einer Generation", sagt der Parlamentarische Geschäftsführer Martin Delius. Sein Fraktionskollege Christopher Lauer wird theatralisch: "Zum ersten Mal seit 27 Jahren macht mein Leben irgendwie Sinn."

Seine Stärken hat der Film gerade dann, wenn er die Jungpolitiker nicht nur Geschehnisse kommentieren, sondern sie auch agieren lässt. Daher hätten die Autoren am besten nach einer guten halben Stunde Schluss gemacht - oder zeigen können, wie die Piraten auch durchaus sachlich miteinander diskutieren, statt längliche Szenen vom Bundespresseball zu präsentieren. So bleibt das Bild einer Fraktion auf dem Selbstfindungstrip. In der Realität sind sie schon weiter.



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