„Vor der Zielgeraden – das Portrait des vor einem Jahr verstorbenen Künstlers ist anrührend und inspirierend, aber nie indiskret“

13.05.2008




Galore


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von Eric Pfeil

Am Anfang ist Jörg Immendorffs Stuhl in seinem Atelier leer. Er ist bereits fortgegangen. Dazu hört man seine tiefe, von unzähligen Zigarettenmalträtierte Stimme: Wenn es keinen Zoff gäbe, so Immendorff, dann mache er sich ihn eben selber. Und in der Tat hat Immendorff bis zum Schluss Zoff gemacht: anderen, aber auch immer sich selbst. Zwei Jahre lang begleitete die Regisseurin Nicola Graef den an der tödlichen Nervenkrankheit ALS erkrankten Künstler. Man erlebt ein Aufbäumen, ein Zusammenbrechen, sieht den Kampf gegen und das Arrangement mit Krankheit und Tod. Graef begleitet eine Phase späten Schaffendrangs, in der Immendorff, längst nicht mehr Herr über Arm- und Beinbeweglichkeit, seine Schüler nach strenger Vorgabe für sich malen lässt. Er stelle den Menschen immer vor den Künstler, sagt Immendorff und kann doch – wie immer bei großen Schaffensgeistern – in keinem Moment den Künstler vom Menschen trennen. Graefs Film unternimmt diesen Versuche ebenso wenig und ist damit gut beraten: Ihr Portrait zeigt einen liebenswerten Widersprüchlichen, ein ewiges Kind, das für seinen Eigensinn geliebt werden will, einen Nähe suchenden Macho. Vor allem das Lehrer-Schüler-Verhältnis dringt als zentrales Thema immer wieder durch: Es ist erhellend zu erkennen, dass Immendorff, der selbst bei Beuys lernte, hinter seiner Schroffheit ein tiefes Verhältnis für die Nöte seiner Studenten hegte. Wesentlich sind die Äußerungen seiner Mutter Irene sowie seiner Frau Oda Jaune, unangenehm dagegen fällt Jonathan Meese auf, der sich als Schwafler selbst enttarnt. „Ich.Immendorff“ ist ein Film über das Leben im Angesicht des Todes – über die Intensität jener Zeit kurz vor der Zielgeraden, wenn die Dinge sich auf das Wesentliche kaprizieren. Für Jörg Immendorff waren dies, so zeigt dieser anregende Film, seine Familie und seine Kunst.

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