Die Kunst, mit Kunst zu überleben.
19.05.2008
Teleschau
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(tsch) Unbequem zu sein, das war eine Lebensmaxime des Künstlers Jörg Immendorff - mit Erfolg. Er polarisierte und provozierte als Künstler und Mensch und fand sich regelmäßig in den Boulevard-Schlagzeilen wieder. Seinen Bekanntheitsgrad steigerte noch ein Schicksalsschlag, bei ihm wurde 1998 Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) diagnostiziert. Eine Nervenkrankheit, mit der Immendorff neun Jahre lebte, die Malerei gab er dabei nicht auf. Kurz vor seinem einjährigen Todestag am 28. Mai startet die Dokumentation "Ich. Immendorff" von Nicola Greaf.
Zunächst hört man nur Immendorffs Stimme. Sein Tonfall hat auch durch die Krankheit nichts an Bestimmtheit verloren. Der Künstler sitzt im Rollstuhl, ALS lähmt seine Beine und auch die Hände kann er kaum noch oder nur mithilfe anderer gebrauchen. Die Gemälde, die er im Kopf hat, setzen nun nach seinen Anweisungen ausgewählte Assistenten um. Sie sind lebende Pinsel, ihre eigene Handschrift darf nicht zu erkennen sein.
Der Film zeigt Immendorf in seinen letzten zwei Jahren. Die Kamera hält seine Arbeit im Atelier fest, das Aufeinandertreffen mit den Studenten in der Kunstakademie Düsseldorf und ist bei den Vorbereitungen für die größte und wichtigste Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie in Berlin 2005, der Retrospektive "Male Lago", dabei.
Nicola Graef nähert sich dem ehemals sehr aggressiven Mann, der sich als Chronist deutscher Befindlichkeiten und Geschichte einen Namen gemacht hat, vorsichtig. Auf Floskeln und Klischees reagiert er barsch. Zu seinen berühmtesten Werken zählt "Café Deutschland" aus den 80er-Jahren. Wovon er in seinen Bildern erzählt, das hat er auch gelebt, heißt es im Film. Er war keiner, der sich und seine Ìberzeugungen je versteckt hätte und mit den Konsequenzen lebte - das bestätigen Weggefährten wie die Künstler Markus Lüpertz oder Jonathan Meese.
Schon in seinen jungen Jahren, bei dem ihn prägenden Joseph Beuys an der Kunstakademie, hatte er Visionen von großen Gemälden. Zur damaligen Zeit, in der Installationen en vogue waren, wirkte diese Kunstform wie ein Rückschritt. Immendorff reklamiert für sich im Film, einen neuen Malstil gefunden zu haben.
Zum ersten Mal kommen in der Öffentlichkeit seine Mutter Irene und die erste Ehefrau Chris Reinecke mit privaten Details aus Immendorffs Leben zu Wort. Ganz offen spricht auch Immendorffs zweite, über 30 Jahre jüngere, Frau Oda Jaune, mit der er zum Zeitpunkt seines Todes eine kleine Tochter hatte. Sie findet schöne und bedeutsame Worte für ihre Bewunderung für Immendorff und sein Werk. Das passt ins Gesamtbild des Films, der vor allem Immendorffs Persönlichkeit und ihre Auswirkung auf seine Kunst herausarbeitet - vor und während der Krankheit.
Vermittelt werden soll, dass bei Immendorff Kunst und Leben ständig eine Einheit bildeten und Banales keinen Platz hatte. So entstand ein alles andere als unbequemer Film ohne kritische Stimmen, eine glatte Hommage, bei der man sich fragen kann, ob sie einem Störenfried und Menschen, der immer die Herausforderung suchte, gerecht wird.
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